22.09.2020

Landleben ohne Auto - Eindrücke einer Fahrradtour nach Schlöben

Unser Arbeitskreis Umland berichtet von der dritten Veranstaltung aus der Reihe "Begegnungen im Grünen". Dieser Ausflug führte nach einer Radtour in den Pfarrgarten von Schlöben, wo sich verschieden Bewohner umliegender Gemeinden, aber auch Stadtbewohner und Radverkehrsaktivisten über die Anbindung des Jenaer Umlands an das Fahrradwegenetz und den ÖPNV austauschten.

Für die dritte "Begegnung im Grünen" in diesem Sommer, eine Fahradtour von Lobeda bis Schlöben, strahlte am Samstag die Herbstsonne besonders schön. Eine kleine Gruppe, unter anderem mit Lutz Jacob vom Radverkehrsbeirat in Jena und Barbara Albrethsen-Keck, Vorsitzende des ADFC, konnte auf dem Hinweg am Schafberg zwischen Drackendorf und Illmnitz am eigenen Leib erfahren, um wie viel machbarer der starke Anstieg ist, wenn die Radelnden von einem Elektromotor unterstützt werden.
Dieser Teil der Gruppe konnte oben länger die wunderschöne Aussicht genießen und ins Gespräch kommen, während die Nachhut sich noch den Berg hinaufkämpfte. Auf der Landstraße zwischen Illmnitz und Schlöben kommt man dagegen sehr bequem voran, muss sich die Straße aber natürlich mit sehr schnell fahrenden Autos teilen. Obwohl am Samstagnachmittag relativ wenig Verkehr war und die Autos einen großen Bogen fuhren, war das Unsicherheitsgefühl auch wegen des mitfahrenden Kindes nicht unerheblich.

Im idyllischen Pfarrgarten in Schlöben konnte die Gruppe dann aber entspannen und mit den Gastgebern Almut und Stefan Elsässer, Nikolaus Huhn, einer weiteren Mitbürgerin und Bürgermeister Hans-Peter Perschke in ein ausführliches Gespräch über Mobilität, Fahrrad-fahren und die dafür vorhandene und nötige Infrastruktur in Schlöben und Umgebung kommen.

Nikolaus Huhn berichtete von der Sichtbarkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und wies auf den enormen Energieluxus hin, der mit der stetigen Verbesserung der Lebensqualität in unserer Gesellschaft seit den fünfziger Jahren einherging. Damit erklärte er seine persönliche Motivation, von Anfang an auf ein eigenes Auto zu verzichten.
Im Gespräch wurde klar, dass sich im All-tag einerseits immer wieder die Frage stellt, wie viel man sich die Zukunft des Planeten kos-ten lässt, beispielsweise durch etwas längere Wegzeiten, und dass wir Menschen andererseits Belastungen immer im Verhältnis zu unseren Gewohnheiten erleben. So war es ihm von Nutzen, dass er von Beginn an kein eigenes Auto hatte, dessen Bequemlichkeiten er sich mühsam wieder hätte abgewöhnen müssen. Er nutzt im Alltag einen Mix aus Bus, Fahrrad, freundlichen Mitbürger*innen, die ihn auch einmal einsteigen lassen, und ab und an einem Taxi, d.h. er hat nicht den Ehrgeiz vollständig auf fossile Antriebe zu verzichten. Er betonte mehrmals, dass das Fahrradfahren von Schlöben bis Jena keine Heldentat sei, weil Jena ziemlich nah liege, alle waren sich aber auch schnell einig, dass einerseits die eingeschränk-ten Transportmöglichkeiten manchmal gegen die Entscheidung für das Rad sprechen, viel schwerer aber häufig noch das Unsicherheitsgefühl wiegt.

Insofern ist es wirklich eine vordringliche Aufgabe der Politik, einerseits für die Einhaltung der schützenden Verkehrsregeln zu sorgen (1,5 Meter Sicherheitsabstand beim Überholen, Überholverbote bei schwer einsichtigen Stellen), andererseits durch den Bau von sicheren Radwegen den Umstieg auf diese umweltfreundliche Mobilität zu erleichtern. Schlöbens Bürgermeister Perschke berichtete, dass sich seit dem Frühjahr circa 100 Bürger*innen ein Pedelec oder E-Bike angeschafft hätten, und insofern der Wille zum Umsteigen tatsächlich nicht nur bei den besonders Sportlichen vorhanden sei. Die Straße Richtung Schöngleina sei sehr kurvenreich und unübersichtlich und auch für die Landesstraße zwischen Illmnitz und Schlöben wünschten sich die Schlöbener eine sichere Lösung für den Radverkehr. Durch Strukturhilfen sei im Grunde Geld da, um Projekte zu finanzieren. Es fehle allerdings leider an Planern und an Baufirmen, die noch Aufträge annehmen würden.

Die Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass schnell etwas geschehen müsse, um die Sicherheit zu erhöhen, wenn der Radverkehr weiter so stark zunimmt und weil schon jetzt zum Beispiel auch Schüler*innen mit dem Rad über die Landstraße fahren. Ideal wäre ein ge-meinsam zwischen der Stadt Jena und den umliegenden Gemeinden erarbeitetes Radverkehrskonzept. Dies haben die anwesenden Mitglieder der Bündnisgrünen aus Jena als Aufgabe mitgenommen, sich dafür einzusetzen. Schon allein deswegen, weil es vorteilhaft für die Stadt ist, je weniger Kfz einpendeln. Bis es so weit ist, kann man nur eindringlich an die Rücksichtnahme und Geduld der Autofah-rer*innen, z.B. mit bergauf fahrenden Radfahrer*innen, appellieren.

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